Kompromissbereitschaft von Verlagen und ARD beim Tagesschau App, aber noch keine Kompromisslinie
Eröffnung des Internationalen Medienkongresses mit Keynotes von Staatsminister Bernd Neumann und dem Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, Mathias Döpfner – Branche diskutiert Architektur für digitale Medienwelt
Internationaler Medienkongress eröffnet
Berlin – Nach der Begrüßung durch Medienboard-Geschäftsführer Elmar Gigliner war die Frage, wie die Architektur für die Medienwirtschaft im digitalen Zeitalter aussehen soll, das zentrale Thema der Eröffnungsdebatte des Internationalen Medienkongresses im Rahmen Medienwoche@IFA am heutigen Montagvormittag in Berlin. Nach Keynotes von Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann und Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, diskutierten neben Mathias Döpfner ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut, wooga-Gründer und -CEO Jens Begemann, Christian Franckenstein, Vorstandssprecher MME Moviement, RBB-Intendantin Dagmar Reim, Marco de Ruiter, COO, MTV Networks North, und René Schuster, CEO Telefónica Germany, unter der Moderation von Frank Thomsen, Chefredakteur stern.de.
Kulturstaatsminister Bernd Neumann stellte in seiner Keynote „Chancen der Digitalisierung nutzen - Kultur und Kreativität fördern" die vielfältigen Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für die Kultur- und Kreativwirtschaft heraus. Ausgangspunkt aller rechtlichen Überlegungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung müsse der Urheber sein. Die massenhafte Verbreitung illegaler Raubkopien im Internet und die weit verbreitete Gratiskultur gefährdeten die Existenz von Künstlern und Kreativen. Neuman betonte, dass es vor diesem Hintergrund einer angemesseneren Form des Urheberrechts bedürfe. „Ohne Urheber keine kulturelle Vielfalt“, so der Staatsminister. Zur besseren Durchsetzung von geistigen Eigentumsrechten sollte der rechtliche Rahmen um ein sogenanntes Warnhinweismodell ergänzt werden, mit dem illegale Nutzer verwarnt werden könnten. Darauf sollten kostenpflichtige Abmahnungen folgen. Für den Bereich der Presse sprach Neuman sich für die Einführung eines Leistungsschutzrechtes aus uns stellte klar, dass darüber hinaus auch die Journalisten als Urheber von der Stärkung der Rechtspostion der Verlage profitieren sollten. Der Staatminister begrüßte die Gründung der Content-Allianz durch private und öffentlich-rechtliche Medienunternehmen, eine Beteiligung der Verleger an dieser Initiative würde er begrüßen. Zu den erforderlichen Rahmenbedingungen gehöre auch eine Weiterentwicklung des Medienkonzentrationsrechts. „Es kann nicht sein, dass deutschen Medienunternehmen mit dem Argument der Marktmacht versagt ist, Anteile an deutschen Medienunternehmen zu übernehmen und damit deren Existenz zu sichern – andererseits sich dann nichtdeutsche Medienoligarchen mit viel größerer Medienmacht einkaufen und anschließend das Unternehmen finanziell ausplündern“, so der Staatsminister. Hier seien insbesondere die Länder gefordert.
"Generation iPad – Die Zukunft des Journalismus im Netz: Innovationen, Chancen, Perspektiven" unter diesem Titel ging Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG auf die Herausforderungen der Digitalisierung für die Verlage ein. Er machte klar, dass die Antwort auf die Herausforderungen der Digitalisierung weder mit rein inhaltlichem noch rein technischem Verständnis gegeben werden könne: Erforderlich sei die Integration beider Kompetenzen in einem Team bei der Erstellung von Verlagsprodukten. Ebenfalls stellte er klar, dass mögliches Wachstum für die Verlage weniger im Online- als vielmehr vor allem im mobilen Angebotsbereich liegen werde. In einer pointierten Analyse der Möglichkeiten eines fiktiven Verlagsprodukts, der „Süddeutschen Allgemeinen Welt“, beschieb Döpfner die Bandbreite unterschiedlicher möglicher Szenarien für die Verlage in den nächsten zehn Jahren. Sie könnten je nach ihrer Fähigkeit, die Chancen der Digitalisierung umzusetzen, von einer Insolvenz bis hin zu einer sehr positiven wirtschaftlichen Entwicklung reichen. Bei richtigen strategischen Entscheidungen seien einer positiven Entwicklung aber deutliche Grenzen durch öffentlich-rechtliche Produkte wie dem kostenlosen Tagesschau App gesetzt, das mit seiner Textlastigkeit nichts anderes als eine elektronische Zeitung sei. Döpfner sprach sich für die Besinnung auf eine faire Wettbewerbsordnung und eine langfristige ausgewogene Architektur der digitalen Landschaft aus. Gebührenfinanzierte Videos und Audiobeitrage dürften kostenlos digital verbreitet werden. Zusätzliche Textangebote, die direkt mit den Verlagsangeboten konkurrieren, müssten dagegen zu marktüblichen Preisen kostenpflichtig werden, schlug Döpfner als Kompromiss vor. Er sei grundsätzlich gegen Verbote und hoffe, dass man sich gemeinsam auf eine Lösung verständigen könne, die Vielfalt, Qualität und fairen Wettbewerb im Sinne der Markteilnehmer und Nutzer ermöglichen würde.
Das anschließende Podium erörterte die Chancen und Risiken der Digitalisierung für den Contentstandort Deutschland.
Thomas Bellut betonte, dass das ZDF sein heute-App zunächst zurückgestellt habe und er eine Verständigung mit den Verlegern in diesem Thema grundsätzlich für einen guten und richtigen Weg halte. Bellut erklärte zur Diskussion um die Gottschalk-Nachfolge bei „Wetten, dass…?“, man werde die Diskussion darüber erst im Dezember führen. Im Zusammenhang mit der Diskussion von Produzenten um deren Beteiligung an der ganzen Wertschöpfungskette erläuterte Bellut, das „Germany´s Gold“ als VoD-Angebot ein Projekt sei, in dem man mit Produzenten genau diesen Weg mit einer Teilung von Erlösen gehen wolle.
Dagmar Reim sagte, dass sie bei allem Konsenswillen „von Menschen, die sich dem Qualitätsjournalismus verpflichtet fühlten“, keinen Kompromiss beim Tagesschau App mittragen könne, nach dem das Angebot sich über Erlöse von den Nutzern finanzieren sollte.
Christian Franckenstein stellte klar, dass die Digitalisierung aus Sicht der Inhalteproduzenten zunächst einmal nichts weiter als neue Vertriebskanäle bedeutet, was aber nicht gleich zu setzen sei mit Mehreinnahmen. Die Fernsehproduzenten ständen seit einigen Jahren vor dem Problem, dass die Erlöse ihrer Kunden aus deren klassischem Geschäftsmodell, Werbeeinnahmen/Gebühren, rückläufig seien. Gleichzeitig müssten die Produzenten aber für die Erschließung digitaler Plattformen und Vertriebsstrategien investieren. Dabei könnten Sie noch nicht mit nennenswerten Kompensationen aus diesen neuen Geschäften rechnen. Daher gebe es nur die Lösung„Pay for digital services“, nämlich, dass der Konsument für den Komfort grösserer Individualität zahlen müsse.
Jens Begemann erläuterte das Geschäftsmodell von wooga, das mit seinem kostenlosen Online-Spiele-Angebot 38 Mio. User zählt und sich durch den freiwilligen Kauf virtueller Güter von 1 Mio. Usern vollständig refinanziere. Auf Grund seiner Erfahrung halte er jedoch den Erfolg von zusätzlichen entgeltpflichtigen Angeboten innerhalb von kostenfreien Angeboten von klassischen Medienanbietern für sehr schwierig.
Marco de Ruiter betonte, dass die Entscheidung, das Hauptprogramm von MTV nur noch als Pay-Angebot zu betreiben, eine logische Entscheidung in der Gestaltung der digitalen Verwertungskette der vier Konzernmarken sei, in der Inhalte zu einem bestimmten Zeitpunkt und Preis in einem bestimmten Fenster bzw. einer bestimmten Medienplattform angeboten würden. Eine reine Werbefinanzierung sei für das Programm MTV als kleiner Sender in einem Werbezeitenmarkt, der von den beiden großen Free-TV-Familien dominiert werde, so nicht mehr darstellbar. De Ruiter beklagte zudem die Wettbewerbsverzerrungen durch die gebührenfinanzierten Anstalten beim Programmrechteeinkauf.
René Schuster stellte klar, dass sich Telefonica nie als klassischer Inhalteanbieter begreifen werde, das Unternehmen aber natürlich Inhalte für seine Kunden anbiete, die einen Mehrwert böten, etwa Finanz- oder Gesundheitsservices. Er betonte die wachsende Nutzung von mobilen Diensten und prophezeite das Ende von Pushangeboten. Die Zukunft liege bei individuellen Angeboten, bei denen die Nutzer entscheiden könnten, was sie wann und wo nutzen wollen.
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Der Internationale Medienkongress ist Teil der MEDIENWOCHE@IFA in Berlin. In Verbindung mit der IFA, weltweit wichtigste Messe für Consumer Electronics (02. – 07.09.11), dem M100 Sanssouci Colloquium (08.09.11) und zahlreichen weiteren hochkarätigen Events ist er eines der wichtigsten Branchentreffen Europas. Kongressveranstalter ist das Medienboard Berlin-Brandenburg in Zusammenarbeit mit der gfu, im Auftrag der Länder Berlin und Brandenburg und gefördert von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg. Die IFA wird veranstaltet von der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu) und organisiert von der Messe Berlin. M100 ist eine Initiative der Landeshauptstadt Potsdam und des Vereins Potsdam Media International e.V.
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